• 22.05.2022
      00:10 Uhr
      Das Wort zum Sonntag spricht Annette Behnken, Loccum | Das Erste
       

      Wozu? Wozu braucht man die Kirche?! Die Zahl der Kirchenmitglieder wird in Deutschland in diesem Jahr auf einen historischen Tiefstwert, auf unter 50% sinken. Darüber spricht Annette Behnken.

      Nacht von Samstag auf Sonntag, 22.05.22
      00:10 - 00:15 Uhr (5 Min.)
      5 Min.
      VPS 23:05

      Wozu? Wozu braucht man die Kirche?! Die Zahl der Kirchenmitglieder wird in Deutschland in diesem Jahr auf einen historischen Tiefstwert, auf unter 50% sinken. Darüber spricht Annette Behnken.

       

      Wozu? Wozu braucht man die Kirche?! Die Zahl der Kirchenmitglieder wird in Deutschland in diesem Jahr auf einen historischen Tiefstwert, auf unter 50% sinken. Und ich kann‘s verstehen. Ich kann‘s echt verstehen. Jede, jeden, der sagt: Das ist nicht meins. Was soll das Ganze noch? Das hat mit meinem Leben überhaupt nichts zu tun.

      Im Gegenteil: Es gibt viele Gründe, aus der Kirche auszutreten.

      Ja … und jetzt könnt ich mit meiner Verteidigungsrede anfangen. Und aufzählen, für was alles die Kirche gut und wichtig ist. Caritativ. Diakonisch. Sozial. Seelsorge. Katastrophenhilfe … undsoweiter. Und, ja, ist wichtig und richtig und gut.

      Aber ich möchte gerade gar nicht verteidigen.

      Mich beschäftigt, was ich brauche. Von der Kirche. Für mein Leben.

      Ich brauche diese Gebäude. Diese erhabenen Kirchen mit ihren alten, dicken Mauern und Gewölben, die zum Himmel streben. In denen die Zeit anders läuft, das Licht anders fällt. In denen ich anders atme, aufrechter gehe und meine Augen und Ohren anfangen, anders hinzusehen und hinzuhören.

      Diese Gebäude, in die ich hineingehe und sofort heraustrete aus Zweckmäßigkeit und Funktionalität. In denen ich uneffektiv sein darf. Und unfertig.

      Ich brauche diese Kirchen, die dastehen, mitten in unseren Städten und Dörfern, wie Platzhalter für etwas, das im Gewusel unseres Alltags oft verschütt geht. Der Tiefe des Lebens auf der Spur zu sein. Und dem Sinn und Geschmack für‘s Unendliche.

      Ich brauche diese Orte, die das Unsichtbare sichtbar machen. Einen Ausschnitt aus dem Unendlichen zeigen, wie es der Architekt Mies van der Rohe sagt.

      Die da stehen für eine andere Wirklichkeit, die wahr ist und da ist und das mitten drin in unseren Leben. Und wenn ich nicht mehr glauben kann an Friedfertigkeit, die Rettung der Schöpfung oder an Gerechtigkeit: Sie stehen da und stellen das als wirkliche Möglichkeit in die Welt.

      Ich brauche Orte und Menschen, die mich daran erinnern, dass wir nicht nur einen Realitätssinn haben. Sondern es auch noch diesen anderen Sinn gibt. Den Möglichkeitssinn. Und dass der göttlich ist, dieser Möglichkeitssinn, und die noch nicht erwachten Absichten Gottes umfasst. So schreibt es der Autor Robert Musil.

      Ich brauche Menschen, die mir sagen und zeigen, dass das Leben ein Geschenk ist, das ich jeden Tag neu auspacken kann. Dass ich jeden Tag und jede Sekunde und immer und immer neu anfangen kann.

      Ich brauche Menschen, die mir helfen, die Zumutung auszuhalten, die das Leben sein kann. Und den Schrecken des Todes.

      Ich brauche Menschen, die mich trösten. Und Orte, die mich bergen.

      Wir brauchen Menschen und Orte, die uns spüren lassen, dass wir Gesegnete sind. Die uns daran erinnern: Ihr seid gesegnet. Und sollt ein Segen sein in dieser Welt.

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